Jung, dumm, glücklich

26. März 2008

Das Niveaugefälle zwischen kleiner Indieperle und grobschlächtigem Bierzeltwahnsinn lässt sich eindrucksvoll aufzeigen, wenn man eine einzelne Thematik (z. B. jugendliche Naivität) aufgreift und verschiedene Wege, diese musikalisch aufzuarbeiten, gegenüberstellt.

Gut:

Beschissener Dreck:

AmpLive vs. Radiohead

17. März 2008

Fragt mich nich wie ich auf einer meiner unendlichen Odysseen durchs Internet auf diese Teil gestoßen bin. Aber es is eigentlich auch wurscht. Diese 8-Track Remix Tape von dem in Oakland ansässigen DJ und Producer AmpLive ist einfach unglaublich.

Zusammengeschustert ausschließlich mit Material von Radiohead’s ‚In Rainbows‘ sowie mit Gastauftritten von Jurassic Five, Zion-I und Del The Funky Homosapien ist ‚Rainydayz Remixes‘ ein schier unbeschreiblich gutes Kleinod. Superschöne Beats, flowende Raps und natürlich immer wieder der im Subtext mitschwingende unverkennbare (vielleicht sogar besonders zur Geltung gebrachte) Radiohead Sound. Ich war beim ersten Hören sofort hin und weg, jetzt süchtig danach und hab das Teil z.Zt. auf Heavy Heavy Rotation laufen. ‚Videotapez‘ gehört zu einer jener Entdeckungen, von denen ich im Jahr vielleicht eine Handvoll habe.

Aber genug geredet. Vielleicht krieg ja auch nur ich bei diesem Ding eine durchaus beachtliche Erektion. Weil das beste kommt ja noch: es is vollkommen umsonst, mittlerweile auch in Absprache mit den Masterminds themselves. Und runterladen kan man es nun auch hier. Enjoy!

Herzensangelegenheit

7. März 2008

Ja, ich glaube es ist mal wieder an der Zeit. Zeit für einen neuen Artikel und Zeit ein weiteres Mal dem deutschen HipHop hinterherzutrauern. Mann, was war das doch für eine unglaublich entspannter, sorgenfreier und verdammt aufregender Lebensabschnitt. Damals: 1999 – 2001, 10. – 12. Klasse, 15 – 17 Jahre, Hardcore-Abstinenzler – schlimmer Wodka-Lemon Junk, Jungfräulichkeit – Guten-Morgen-Sex, völlige Planlosigkeit – halbwegs-Lebensentwurf. Und immer im Hinterkopf bzw. in den Nebenohrhöhlen: guter deutscher HipHop. Relaxte Beats, Texte die noch Geschichten erzählt haben, Spaß statt Überheblichkeit, Weed statt Koks, „Auf die Bühnen der Jugendzentren und Dorfdiskos bring ich Dirty Dancing und postpubertären Zwangsvulgarismus.“ statt “ Deutsche Mucke ist das Gift und ihr seid gegen uns, weil ich den längsten hab und weil ich damit jeden bums.“.

Ich bin damals gerade von einem dreijährigen Aufenthalt in den USA nach Deutschland zurückgekehrt und war geprägt von amerikanischem Indie und britischem Rock – Oasis, Everclear, Bush, Harvey Danger und dergleichen – was eben in den Staaten gerade so angesagt war. Von HipHop und Rap hatte ich zu diesem Zeitpunkt wenig bis keine Ahnung, auch weil es drüben eben Mitte der Neunziger nichts gab was mich wirklich angesprochen hat: Dre hab ich nicht so wirklich wahrgenommen, Puff Daddy und Gefolge hab ich erfolgreich ignoriert, an Wu-Tang kann ich bis heute nich ran, Gangstarr, The Roots, Mos Def und Konsorten hab ich erst später entdeckt, in die alten Tupac und Biggie Sachen hör ich mich gerade rein. Ich war sozusagen noch unbefleckt.

Zwar hörte ich auch hier weiterhin zu 80% Rock, Punk, und Indie, entdeckte aber vermehrt die deutsche Szene, hauptsächlich bestehend aus der Hamburger Schule – Tocotronic, Blumfeld, Tomte etc. – und Bands wie Readymade, Angelika Express, Sportfreunde Stiller oder The Notwist. Ich hatte gelernt mich soweit wie möglich von deutschem Radio fernzuhalten, kaufte noch CDs und schaute Viva Zwei. Letzterem, mit anderen Worten, dem besten jemals existiert habendem Fernsehsender (aber das ist ein ganz anderes Kapitel…) verdanke ich dann auch meine ersten Gehversuche auf dem Gebiet des deutschen Sprechgesangs. Denn neben ‚Song 2‘, ‚Let Me In‘ und ‚Bleed American‘ rotierten hier eben auch die Videos von ‚Hand auf’s Herz‘, ‚Reimemonster‘, ‚Hammerhart‘ und ‚Fensterplatz‘. Zusätzlich kam hinzu, dass die Clique mit der ich damals noch abgehangen hab nunmal aus Skatern und Kiffern bestand, der Kontakt mehr oder weniger unumgänglich war.

Wie auch immer. Mit eben genannten Songs wären wir eigentlich auch schon bei meinen Helden der damaligen Zeit: Eins Zwo, die Mongo Klikke um die Beginner, Ferris und Dynamite Deluxe, aus Stuttgart Afrob, aus München Blumentopf. Mit Curse oder Spax, den Massiven oder Spezializtz, allem was aus Heidelberg kam oder dem damals noch im Untergrund fungierenden Kool Savas konnt ich noch nie was anfangen. Auch wenn ich den Text zu ‚Pimp Legionär‘ immernoch fast auswendig kann und seine Crew M.O.R. doch den ein oder anderen wirklich guten Titel hatte. Später kamen jedenfalls noch Tefla & Jaleel, RAG, Nico Suave, Creutzfeldt & Jakob und ab und an Azad dazu.

Damals war es scheinbar in jeder zweiten Stadt Deutschlands möglich smoove Beats mit intelligenten Texten zu kombinieren, sodass man sogar mit Recht behaupten konnte, die deutsche Szene hatte einen eigenen Stil entwickelt, ein Art Gegenpol zum amerikanischen Gangsta und Bling Rap als auch eine gewisse Abgrenzung zum rauhen, harten (NTM) bis wahnsinnig flowendem (IAM) Sound der aus Frankreich dröhnte. Die Künstler haben ihre Musik ernst genommen, aber nie zu ernst. Klar wollten auch jeder von seinem Hobby leben können, trotzdem hatte man immer das Gefühl, dass Profit erstmal nebensächlich war und der Spaß im Vordergrund stand. Klar wurde auch hier und da gedisst – man erinnere sich nur an die Sticheleien zwischen Samy und Azad oder MC Rene und… ja, jedem eigentlich – aber es gab Collabos en masse und es herrschte generell ein freundlicher Umgangston. Das Splash! war noch eine Familienangelegenheit und fest in deutscher Hand. Zu den Konzerten kamen Jungs in ranzigen Jeans, Eimsbush Hoodies und ausgelatschen Etnies, Emericas oder DCs.

Und dann kam irgendwann, relativ plötzlich und warum auch immer, der Bruch. Eingeleitet von dem meiner Meinung nach letzten wirklich herausragendem Album dieser Zeit ‚Deluxe Soundsystem‘ von Dynamite Deluxe. Weder Blumentopf mit ‚Eins A‘ noch Eins Zwo mit ‚Zwo‘ kamen an ihre jeweilgen Vorgänger ran. Die Beginner versuchten es zwei Jahre später nochmal mit ‚Blast Action Heroes‘ gingen aber musikalisch schon ganz andere, kommerziellere Wege. Viele andere konnten ihren selbst gesetzten Standards nicht mehr gerecht werden, verschwanden in der Versenkung, lösten sich auf oder versuchten mehr oder weniger erfolglose Stilwechsel.

Klar gibt es viele der damaligen Künstler noch, is ja nich so dass die alle auf einmal entschieden haben alles an den Nagel zu hängen. Aber schaut euch das doch mal an! Blumentopf entwickelt sich seit Jahren nicht mehr weiter, die Beginner haben sich scheinbar vollends dem Pop verschrieben und Samy schiebt Doppelkinn und Wampe vor sich her und macht einen auf Gangster. Wobei er dabei bei weitem nich der einzige ist, schaut nur mal bei MySpace was aus Mr. Schnabel geworden ist… Der Rest werkelt entweder wieder im Untergrund mit wackeligen Videos und schlechter Promo oder hat die Zeichen der Zeit erkannt und aufgegeben. Leute wie die Fantas, D-Flame und Fettes Brot hat eh noch nie jemand ernst genommen. Potenzielle Nachfolger wie Deichkind oder Clueso gingen sehr schnell andere Wege.

Und dann kams ganz dicke. Aggro Berlin erlebte einen kometenhaften Aufstieg. Bushido, Sido und B-Tight warfen mit expliziten Texten nur so um sich. Leute wie Azad und Kool Savas gaben sich dieser Art des Raps nun auch vollends hin. Raptile und Eko wollten einen auf dicke (amerikanische) Hose machen. Das Unvermeidbare nahm seinen Lauf, jetzt bestimmt Berlin das Geschehen und wir haben Fler, Massiv, Baba Saad und Konsorten an der Backe. Von Frauenarzt oder King Orgasmus red ich erst gar nicht. Obwohl ich bis heute bei ersterem nicht sicher bin, ob das nicht alles nur eine sehr gut inszenierte Show ist und er sich insgeheim ständig ins Fäustchen lacht.

Warum verdammte Scheiße ist das so?! Klar, das Angebot bestimmt die Nachfrage. Ich nehm es daher der heutigen ‚Jugend‘ auch nicht übel das sie sich in XXXL Shirts, New Era Caps, Edel Nike Sneakers und Goldketten wirft um ihren Vorbildern nachzueifern. Es gibt ja nix anderes! Wenn man eben damit aufwächst. Was man nicht kennt vermisst man nicht. Bezeichnend ist doch wie wenig Aufmerksamkeit Dendemann’s ‚Pfütze des Eisbergs‘ vor anderthalb Jahren geschenkt wurde. Endlich mal wieder ausgefeilte, intelligente Texte. Aber das interessiert die Kiddies heute nich mehr. Die wollen Zeilen à la „ich hab den größten“, „ich fick deine mudder“ und „fuffies im club“ und nix anderes.

Trotzdem frag ich mich warum die Hochzeit des deutschen HipHops so abrupt zu einem Ende kam. Lag es einfach daran dass „alten Idolen die Ideen ausgingen“? Hatten die alle einfach keinen Bock mehr auf diesen ‚Stil‘? War er nicht mehr lukrativ genug, so dass man einfach neue Wege gehen musste? Oder: War es einfach Zeit?

Egal wie, es ist einfach verdammt schade wenn man sich mit raptechnischer Diätkost zufrieden geben muss, wenn man weiß, dass in diesem Land schonmal Sterneküche zubereitet wurde. Auch wenn ich so diese Musik speziell auf ewig mit einem besonders wichtigen, wertvollen und erinnerungswürdigen Lebensabschnitt verbinden und darin schwelgen kann…